Studentische Forschung
Studiengang Community Health Nursing (CHN)
Im Studiengang Community Health Nursing (CHN) erhielten die Studierenden im Modul “Diabetesmanagement“ (MAP 6) die Aufgabe, anhand einer individuellen Kasuistik eines von Diabetes mellitus betroffenen Menschen spezifische Probleme fachlich zu analysieren und zu benennen. Hilfreiche Modelle für die Analyse konnten das biopsychosoziale Modell oder das transtheoretische Modell der Verhaltensänderung (DiClemente/Prochaska) sein. Aus der Menge der identifizierten Probleme dieser Betroffenen sollte dann eines der Themen, begründet durch eine wissenschaftliche Fragestellung, weiterverfolgt werden. So wurden einerseits die Fähigkeit zur differenzierten Problemanalyse gefördert, andererseits die wissenschaftliche Herangehensweise zur Lösung individueller Herausforderungen im Diabetesmanagement gestärkt.
Unter Zuhilfenahme einer Literaturrecherche wurden zunächst Lösungsansätze in wissenschaftlichen Publikationen gesucht. Waren bereits Lösungsansätze vorhanden, die sich auf die individuelle Betroffenensituation, vielleicht auch nur teilweise, übertragen ließen? Welche Lösungen wären darüber hinaus denkbar? Wie könnte der Beitrag einer zukünftigen CHN in genau diesem Fall aussehen? Wo sollten in unserem Gesundheitssystem neue Strukturen entwickelt werden, um zielgerichtete Ergebnisse zu erzielen?
Ziel und Rahmenbedingungen
Ziel war es, die sehr unterschiedlichen Situationen der betroffenen Menschen zu erfassen und zu individuellen Lösungen zu gelangen. Die Erkrankung an Diabetes mellitus hängt nicht nur von den unterschiedlichen Klassifikationen ab. Vielmehr ist die individuelle Situation der Betroffenen zu berücksichtigen, um zielgerichtete Hilfen anbieten zu können. Die Studierenden im Studiengang CHN sollten den Blick auf den Menschen in seiner Vielfalt behalten. Die Hausarbeit wurde als Modulabschlussprüfung bewertet.
Projekt: "Wie kann Harm Reduction Nursing die Therapieadhärenz bei Menschen mit einer Alkoholsucht und Diabetes Mellitus Typ 3c stärken?"
Eine biopsychosoziale Analyse einer Fallkasuistik
Autorin: Frieda Maria Wünsch, Master Community Health Nursing/Advanced Nursing Practice
Juni 2026
Ausgangslage:
Menschen mit alkoholassoziiertem Diabetes mellitus Typ 3c, exokriner Pankreasinsuffizienz und chronischer Alkoholsucht haben ein erhöhtes Risiko für schwere Stoffwechselentgleisungen (Morris 2018, S. 22; Wang et al. 2026, S. 272, 277).
Pflegeherausforderung und Ansatz:
Starke Glukoseschwankungen sollen möglichst vermieden werden ohne Alkoholabstinenz dafür vorauszusetzen. Ein geeigneter Ansatz ist „Harm Reduction“, das sich an den individuellen Lebens- und Verhaltensmustern von betroffenen Personen mit einer Substanzgebrauchsstörung orientiert. Es umfasst praktische und gesundheitspolitische Strategien zur Verringerung psychosozialer, wirtschaftlicher und biologischer Schäden, ohne Abstinenz zu erwarten (Pereira et al. 2020, S. 2). Pflegefachpersonen können diese Maßnahmen aufgrund ihrer Versorgungsnähe besonders gut umsetzen (Abram et al. 2025, S. 3). Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist eine Fallanalyse mithilfe der biopsychosozialen Perspektive.
Einordnung der Arbeit:
Die Arbeit entstand im Rahmen der Abschlussprüfung im Masterstudiengang Community Health Nursing/ Advanced Nursing Practice an der Evangelischen Hochschule Dresden im Modul „Diabetesmanagement“.
Die Literaturanalyse untersuchte Harm Reduction bzw. Harm Reduction Nursing als Handlungsoption zur professionellen Begleitung des Diabetesmanagements von Menschen mit chronischem Alkoholabusus und Diabetes mellitus Typ 3c.
Fragestellung:
Wie kann Harm Reduction Nursing die Therapieadhärenz bei Menschen mit einer Alkoholsucht und Diabetes Mellitus Typ 3c stärken?
Mit Hilfe einer strukturierten Literaturrecherche in PubMed, CINAHL und der Bibliothek der Evangelischen Hochschule Dresden wurden Publikationen gefunden. Auf der Grundlage einer biopsychosozialen Perspektive (vgl. Engels) führte die Autorin zunächst eine Fallanalyse zu einer betroffenen Person durch und leitete Pflegediagnosen mittels North American Nursing Diagnosis Association International (NANDA-I) daraus ab. Die gefundene Literatur wurde anschließend auf die Relevanz für den spezifischen Fall hin überprüft.
Es wurde ein Literaturscreening von 18 Publikationen durchgeführt. Davon konnten zwei Publikationen in die weitere Analyse und Beantwortung der Forschungsfrage einbezogen werden (Pauly et al. 2019; Smith-Bernardin et al. 2022). Das sog. „Managed Alcohol Program“ (MAP) fungierte in beiden Studien als sozial geschützter Raum, der pflegerisch-medizinische Versorgung und Schadensminimierung miteinander verknüpfte. Zu den pflegerischen Interventionen gehörten eine standardisierte Alkoholdosierung nach Assessment, das Monitoring möglicher Intoxikationen, die medizinisch-pflegerische
Basisversorgung sowie die Entwicklung individueller Pflege- und Unterstützungspläne. In mehreren Programmen agierten Pflegefachpersonen als zentrale Akteur*innen, etwa bei klinischen Einschätzungen, Dosierungsentscheidungen oder in pflegegeleiteten Einrichtungen (Pauly 2026, S. 2 f.).
Beide Studien zeigen übereinstimmend Verbesserungen zu biopsychosozialen Effekten wie die Reduktion akuter alkoholbedingter Schäden, die Stabilisierung von Ernährung, Schlaf und allgemeiner Gesundheit sowie verbesserter sozialer Integration (Pauly et al. 2019, S. 11; Smith-Bernardin et al. 2022., S.3f.). Eine positive Beeinflussung der Therapieadhärenz wurde dabei nicht untersucht und kann lediglich indirekt aus den Outcomes abgeleitet werden.
Diskussion
Strukturelle Rahmenbedingungen: Für die Umsetzung dieses patient*innenorientierten Ansatzes bestehen im aktuellen regionalen Gesundheits- und Sozialwesen strukturelle Herausforderungen und auch Hindernisse.
Pflegerische Konsequenzen: Die ausgewerteten Publikationen zeigen, dass die Versorgung von Menschen mit alkoholassoziiertem Diabetes mellitus Typ 3c und einer chronischen Suchterkrankung eine biopsychosoziale Perspektive sowie schadensminimierende Ansätze erfordern (Alzahrani 2024, S. 213 f.). Dabei werden enge Zusammenhänge zwischen Gesundheits- und Sozialverhalten im Kontext von Sucht und den Umgang mit bspw. einer Diabeteserkrankung aufgezeigt.
Ausblick für die Praxis: Es lassen sich daraus pflegerische Handlungsansätze ableiten, die ein niederschwelliges Diabetesmanagement unterstützen, ohne Alkoholabstinenz voraussetzen zu müssen.
Fazit
Die Literaturrecherche weist auf weiteren Forschungsbedarf im Bereich des schadensminimierenden Diabetesmanagements bei alkoholassoziiertem Diabetes Typ 3c hin (Abram et al. 2025, S. 5; Carney et al. 2025). Die Ergebnisse dieser Arbeit sind als richtungsweisend zu verstehen. Community Health Nurses könnten bei der praktischen Umsetzung von HRN eine Schlüsselrolle spielen (Smith-Bernardin et al. 2022, S. 17).
Literaturnachweise
- Abram, Marissa D.; Jugdoyal, Adrian; Seabra, Paulo; Murphy-Parker, Dana; Searby, Adam (2025): Harm Reduction as a Form of 'Wrap-Around' Care: The Nursing Role. In: International journal of mental health nursing 34 (1), e13436. DOI: 10.1111/inm.13436.
- Alzahrani, Salman Salem (2024): The Association Between Substance Use And Diabetes-Related Complications: A Systematic Review. In: Rev Diabet Stud, S. 212 228. DOI: 10.70082/tgtpkp87.
- Carney, Brittany L.; Loukas, Vanessa; LaBelle, Colleen T. (2025): Harm Reduction Is Nursing Practice. In: The American journal of nursing 125 (2), S. 8. DOI: 10.1097/AJN.0000000000000011.
- Morris, David (2018): Diabetes arising from pancreatic exocrine problems. In: Independent Nurse 2018 (10), S. 21–24. DOI: 10.12968/indn.2018.10.21.
- Pauly, B.; Brown, M.; Evans, J.; Gray, E.; Schiff, R.; Ivsins, A. et al. (2019): "There is a Place": impacts of managed alcohol programs for people experiencing severe alcohol dependence and homelessness. In: Harm reduction journal 16 (1), S. 70. DOI: 10.1186/s12954-019-0332-4.
- Pauly, Bernie et al. (2026): Overview of Managed Alcohol Program (MAP) sites in Canada (and beyond). Unter Mitarbeit von Tim Stockwell, Jinhui Zhao, Sybil Goulet Stock, Dierdre Ratenberg, Brittany Graham, Jenny Cartwright. Hg. v. University of Victoria Canadian Institute for Substance Use Research. Victoria BC. Verfügbar unter: www.uvic.ca/research/centres/cisur/assets/docs/resource-overview-of MAP-sites-in-Canada.pdf, zuletzt aktualisiert am January 2026.
- Pereira, S.S. et al. (2020) Concepções de redução de danos: discursos de profissionais de enfermagem da atenção primária à saúde. Revista Brasileira de Enfermagem 73 (1), e20200021. DOI: 10.1590/0034-7167-2020-0021.
- Smith-Bernardin, Shannon M.; Suen, Leslie W.; Barr-Walker, Jill; Cuervo, Isabel Arrellano; Handley, Margaret A. (2022): Scoping review of managed alcohol programs. In: Harm reduction journal 19 (1), S. 82. DOI: 10.1186/s12954-022-00646 0.
- Wang, Fan; Görgülü, Kivanç; Algül, Hana; Hu, Liang-Hao (2026): The Role of Alcohol in Pancreatic Diseases: A Comprehensive Perspective. In: Gastroenterology 170 (2), S. 268–286. DOI: 10.1053/j.gastro.2025.08.025.
Projekt: Übergang von der Pädiatrie zur Erwachsenenmedizin bei Typ-1-Diabetes
Präventive Maßnahmen zur Reduktion von Ketoazidose und Hypoglykämie
Autorin: Casjupea Knispel
Master Community Health Nursing/Advanced Nursing Practice
Juni 2026
Hintergrund:
Diabetes mellitus Typ 1 (T1D) gehört zu den häufigsten chronischen Stoffwechselerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Eine stabile glykämische Kontrolle ist essenziell, um akute Komplikationen wie Hypoglykämien und diabetische Ketoazidosen sowie langfristige Folgeerkrankungen zu vermeiden. Besonders herausfordernd ist die Übergangsphase von der pädiatrischen in die Erwachsenenversorgung bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren, die häufig mit Versorgungsbrüchen, unzureichender Stoffwechselkontrolle und einem erhöhten Risiko für Komplikationen einhergeht (Buchmann et al. 2023). Vor diesem Hintergrund ergibt sich folgende Forschungsfrage: Wie wirken sich präventive Maßnahmen und strukturierte Übergangsprogramme (Transition) bei jungen Erwachsenen von der pädiatrischen zur Erwachsenenmedizin auf das Management von Typ-1-Diabetes und die Vermeidung von akuten Komplikationen wie Ketoazidose und Hypoglykämie aus?
Die Autorin analysierte diese Problemlagen anhand der Kasuistik eines 18-jährigen Patienten mit T1D, der im Rahmen des Übergangsprozesses wegen einer Ketoazidose stationär behandelt werden musste.
Ziel:
Ziel dieser Arbeit war es, den Einfluss präventiver Maßnahmen und strukturierter Transitionsprogramme auf das Diabetesmanagement sowie die Vermeidung akuter Komplikationen zu untersuchen. Die Literatur zeigt, dass bis zu 40 % der Betroffenen in dieser Phase den Kontakt zur medizinischen Versorgung verlieren und häufig erst bei Auftreten akuter Ereignisse wieder angebunden werden. Ursachen hierfür sind unter anderem unzureichende interprofessionelle Kommunikation, fehlende strukturierte Übergangsprozesse sowie entwicklungsbedingte psychosoziale Belastungen. Die Ergebnisse der Literaturrecherche wurden auf die Übertragbarkeit auf den individuellen Fall überprüft
Die Beantwortung der Forschungsfrage erfolgte durch eine Literaturrecherche in PubMed sowie ergänzend über Google Scholar. Berücksichtigt wurden Studien, Übersichtsarbeiten und Leitlinien zur Übergangsversorgung von der pädiatrischen in die Erwachsenenmedizin bei chronischen Erkrankungen, insbesondere Typ-1-Diabetes.
Die Ergebnisse zeigen, dass strukturierte, multiprofessionelle Transitionsprogramme die glykämische Kontrolle, das Selbstmanagement und die Versorgungskontinuität verbessern. Besonders wirksam erweisen sich familienzentrierte Ansätze und die gezielte Förderung von Selbstmanagementkompetenzen (American Diabetes Association 2025: 286). Der Fall verdeutlicht, dass unzureichende Übergangsstrukturen eine Destabilisierung der Stoffwechselkontrolle begünstigen und damit den Nutzen koordinierter, multiprofessioneller und familienorientierter Interventionen unterstreichen. Studien belegen zudem, dass eine systematische Abstimmung zwischen pädiatrischer und internistischer Versorgung die interprofessionelle Kontinuität nachhaltig stärkt (Fröhlich-Reiterer 2020). Pflegefachpersonen übernehmen dabei eine zentrale Rolle in Schulung, Beratung und psychosozialer Unterstützung.
Insgesamt verdeutlichen die Befunde die hohe Relevanz einer frühzeitigen, strukturierten und interprofessionell koordinierten Gestaltung der Transition von der pädiatrischen in die Erwachsenenversorgung. Eine solche Übergangsgestaltung sollte bereits im Jugendalter beginnen und sowohl medizinische als auch psychosoziale Aspekte systematisch berücksichtigen (American Diabetes Association 2025 286). Zentrale Bestandteile sind klar definierte Verantwortlichkeiten, eine kontinuierliche Betreuung durch ein multiprofessionelles Team sowie eine enge Kommunikation zwischen allen beteiligten Fachdisziplinen (Holman et al. 2023).
- American Diabetes Association (2025). 14. Children and Adolescents: Standards of Care in Diabetes-2025. Diabetes care 48 (1 Suppl 1), S283-S305. doi.org/10.2337/dc25-S014.
- Buchmann, Maike/Tuncer, Oktay/Auzanneau, Marie/Eckert, Alexander J./Rosenbauer, Joachim/Reitzle, Lukas/Heidemann, Christin/Holl, Reinhard W./Thamm, Roma (2023). Inzidenz, Prävalenz und Versorgung von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Zeittrends und sozialräumliche Lage. Journal of Health Monitoring (2), 59–81. doi.org/10.25646/11385.2.
- Fröhlich-Reiterer, Elke (2020). Transition bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mellitus. Journal für Klinische Endokrinologie und Stoffwechsel 13 (3), 135–137. doi.org/10.1007/s41969-020-00108-7.
- Holman, Naomi/Woch, Emilia/Dayan, Colin/Warner, Justin/Robinson, Holly/Young, Bob/Elliott, Jackie (2023). National Trends in Hyperglycemia and Diabetic Ketoacidosis in Children, Adolescents, and Young Adults With Type 1 Diabetes: A Challenge Due to Age or Stage of Development, or Is New Thinking About Service Provision Needed? Diabetes care 46 (7), 1404–1408. doi.org/10.2337/dc23-0180.
