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"Studieren geht auch mit 50!"

Uta Böhme

Abschlussjahr:

2012 & 2022

 

Studiengang:

Soziale Arbeit (B.A. | berufsbegleitend) &
Beratung (M.C. | berufsbegleitend)

 

heutige Position:

Stabsstelle Referentin Kooperation Diakonie Kirche bei Diakonie München und Oberbayern


Mein Weg zum Studium

Ich habe von 1982 bis 1985 eine Verwaltungsausbildung bei der Inneren Mission in Radebeul abgeschlossen. Erst nach der Wiedervereinigung konnte ich meinen Berufsabschluss anerkennen lassen. Da wir keinen politischen Unterricht hatten, war das in der DDR nicht möglich. Ich arbeitete im Epilepsiezentrum Kleinwachau und hatte, nachdem unser drittes Kind so 5/6 Jahre alt war, immer mal geschaut und mit Menschen gesprochen, was denn noch so möglich ist. Irgendjemand erzählte mir von der ehs und dem besonderen Programm für DDR-Biografien, ohne Abitur, mit extra Prüfungen, dort ein Studium zu absolvieren. Dresden war nur 20 km von meinem kleinen, protestantischen Heimatdorf entfernt, eine evangelische Hochschule, so etwas war bis dahin undenkbar. Das Dorf ist klein, die protestantische Wirklichkeit eng, und ich wollte gern mehr wissen. Es hat ungefähr fünf Jahre gedauert, bis ich mutig genug war, nach unzähligen Gesprächen und Mutmach-Aktionen von Freunden, eine Bewerbung an die ehs zu schicken. Auch hatte ich keine Geduld mehr, immer und immer wieder darüber nachzudenken, ob ich das schaffe. Ich hatte das Gefühl für nichts anderes war Platz in meinem Kopf. So fasste ich den Entschluss, ich glaube über Nacht, bewerbe dich, gehe zu den drei Prüfungen, die du niemals schaffen wirst.


Prägende Momente während des Studiums

Meine größte Herausforderung war, die Zulassung zum Studium zu akzeptieren und am ersten Tag die Tür der Hochschule zu öffnen. Ich habe meine ersten Jahre noch in dem alten Gebäude und den Ausweichräumen in der alten Villa lernen können. Es war alles klein und familiär, die Wände waren bunt, es stand überall was rum, es fühlte sich fast wie in meiner Heimatschule an – früher und doch war es ein ganz besonderer Ort. Die Menschen waren besonders, die Professor:innen so nahbar. Ivonne Zill-Sahm war ziemlich neu an der Hochschule und im 1. Semester hatte sie Unterricht bei uns – Georg Herbert Mead. Ich hab's aufgesaugt wie ein trockenes Löschblatt. In einer Absprache zur Semesterarbeit über das Thema fragte sie mich, ob ich nicht einen Vortrag draus machen will. Ich? Ich kann nicht vor Menschen sprechen! War doch grad erst gekommen. Sie bereitete es mit mir vor, zwischen Weihnachten und Jahreswechsel. Wer arbeitet denn in dieser Zeit freiwillig? Wir haben uns in der Hochschule getroffen, sie kam für mich! Meine erste Note: 1,0! Ivonne Zill-Sahm hielt später einen Vortrag, sie stand in einer DDR-Dederon-Kittelschürze vorn – als Professorin. Ich lernte Fishbowl kennen – was für eine Herausforderung.

In einem Unterricht bei Ruthard Stachowske sollten die Student:innen Antworten in ihrer Muttersprache geben – ich verstand den Inhalt nicht, aber ich fühlte was Unglaubliches. In unserer Gruppe der berufsbegleitenden Studierenden gab es so unterschiedliche Menschen, und doch hatten (fast) alle meine Angst vor Prüfungen und Hausarbeiten.


Meine Arbeit heute

Seit drei Jahren arbeite ich als Stabsstelle beim Vorstand der Diakonie München und Oberbayern mit dem Aufgabenschwerpunkt: Kooperation Kirche und Diakonie. Ich begleite bzw. initiiere Projekte mit Kirchengemeinden bzw. dem Dekanat München. Meist sind es Immobilienprojekte, in denen die Kirche Nutzungen für ihre Räume oder für Grundstücke sucht. Vor drei Jahren ging es rasant mit dem Thema los, inzwischen ist die Strukturreform im gesamten Dekanat in vollem Gang, die Kirchgemeinden und die Dekan:innen Leitung sind fast vollumfänglich damit beschäftigt. Der Prozess ist sehr emotional. Inhalte zu denken bzw. Menschen dafür zu begeistern wird dadurch oft zur Herausforderung. In den Projekten, die entstehen, ist jedoch eine unglaubliche Energie, es gibt so viele Menschen, die sich engagieren, ich staune immer wieder über die Ressourcen und Fähigkeiten in diesen Prozessen. Das gibt mir Mut, weiter dran zu bleiben und mich in diesem Thema einzubringen. Herausfordernd ist die Stelle an sich ohne Team zu arbeiten, meist mit anderen Professionen "unterwegs" zu sein. München ist so eine reiche Stadt, es ist so viel möglich, was in anderen Bundesländern undenkbar wäre. Immer wieder muss ich mich in Geduld, Zuversicht und Hoffnung üben.


Mein Rat an heutige Studierende

Mut – ich wünsche den studierenden Menschen Mut! Mutig zu ihren Gefühlen und Träumen zu stehen, sensibel und achtsam auf ihr Bauchgefühl zu hören, los zu gehen – sich trauen, auch wenn es sich "verrückt" anfühlt, und sich von niemanden die angeblich "verrückten" Ideen ausreden lassen. Fragen zu stellen, ganz viele Fragen, und authentisches Interesse an der Vergangenheit, auch der eigenen. Staunen über den Augenblick, dankbar in jeder Begegnung, die Augen des Gegenübers anschauen und wertschätzen. Sich Zeit nehmen für Trauriges und Schweres. Auf Berge steigen, unbedingt auf Berge steigen.

Studierende sollten auf jeden Fall Praktika nutzen, andere Länder und Kulturen kennenlernen, mit den alten Menschen sprechen. Sich Zeit nehmen, Studieren geht auch mit 50! Sich aktiv engagieren für die Demokratie und die Würde eines jeden Menschen!


Der Wendepunkt

Vor 13 Jahren, als unsere Kinder erwachsen waren, haben mein Mann und ich beschlossen, unsere Heimat zu verlassen. Ich denke, die Idee, ein Gefühl, war schon ganz lang da, wir haben uns nicht getraut. Wir sind aus unserem 600-Seelen-Dorf nach München gezogen, mein Mann hatte dort Arbeit bekommen. Aus einem Haus mit großem Grundstück in eine 2-Zimmer-Wohnung. Wir haben es genossen. Im Dezember 2025 hat sich mein Mann auf eine Stelle in Dresden beworben und wir üben, nach 40 Ehejahren, Fernbeziehung. Durch unseren Neustart in Bayern bin ich sehr mutig geworden, habe Dinge ausprobiert, auch die Bewerbung vor drei Jahren auf meine jetzige Stelle (die wurde damals neu eingerichtet). Ich war fremd und neu, niemand kannte mich und mein vorheriges Leben, das war eine riesig große Chance. Und jetzt werde ich nicht müde, mit meinem Migrationshintergrund, hier in Bayern, vom Leben in der DDR, vom Leben der DDR-Frauen, in den alten Bundesländern zu erzählen. Oft staune ich, in welchem Patriarchat ich hier bin.