"Osteuropa hat meinen Blick erweitert."
Ulrich Ott
Abschlussjahr:
1998
Studiengang:
Soziale Arbeit/Sozialpädagogik (Diplom)
heutige Position:
Hausleitung stationäre Kinder- u. Jugendhilfe & freiberuflicher Supervisor und Coach
Mein Weg zum Studium
Nach meiner Ausbildung in einem Industrieberuf habe ich 1992/1993 meinen Zivildienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung absolviert. Schon davor war für mich klar, dass ich mich beruflich in Richtung einer Tätigkeit im Bereich der Sozialen Arbeit entwickeln möchte. Über die kirchliche Jugendarbeit (welche mich in dieser Hinsicht stark beeinflusst hat) war ich in diakonische Freizeiten und in Kontakte nach Osteuropa eingebunden, und es interessierte mich sehr, diese Kontakte auszubauen. Das traf sich mit der – zu dieser Zeit gerade frisch gegründeten – Fachhochschule (später ehs), die sich eine Ausrichtung auf die Zusammenarbeit mit Menschen aus den ost- und mitteleuropäischen Ländern gab.
Es war für mich als gerade einmal 20-jähriger Bewerber alles andere als selbstverständlich, einen Studienplatz zu erhalten. Es gab damals ca. 350 Bewerbungen auf die vorhandenen 50 Plätze. Ich war nach der Zusage sehr glücklich, dass ich mein Studium in meiner Heimatstadt beginnen konnte.
Besonders reizvoll fand ich die enge Verknüpfung mit der Praxis über Exkursionen, Vorträge von und Diskussionen mit Menschen aus verschiedenen Arbeitsfeldern in den Seminaren und besonders das gut begleitete Zwischenpraktikum und das einjährige Berufspraktikum / Anerkennungsjahr.
Prägende Momente während des Studiums
Während des Studiums gab es für mich einige prägende Ereignisse. Sofort fällt mir dazu die Zusammenarbeit einer internationalen Projektgruppe von Studierenden und unserer Dozentin Dagmar Lehmann ein, bei der wir (insgesamt ca. 12 Personen) über ein Jahr lang an der Konzeption, Finanzierung, konkreten Vorbereitung und Durchführung einer internationalen Jugendbegegnung mit Teilnehmenden aus 5 Ländern 1996 in Litauen gearbeitet haben. Unsere lösungsorientierte Arbeitsweise, unser Umgang mit kulturellen Unterschieden und das gemeinsame Überwinden von Hindernissen waren für mich sehr eindrücklich.
Wichtig für meinen weiteren beruflichen Weg war die von der Hochschule unterstützte Möglichkeit, das Studium für ein Jahr zu unterbrechen und in dieser Zeit einen Sprachkurs und ein längeres sozialpädagogisches Praktikum in Litauen zu absolvieren.
Prägend finde ich auch die Zeit des Zwischenpraktikums mit einer Vielzahl an beraterischen Erfahrungen, die ich in der Allgemeinen Sozialberatung in Zwickau machen konnte. Dazu gehörte der wöchentliche Austausch über die Praxis in der „Studienschwerpunkt“-Gruppe und das Reflektieren über den „Vorgang des Beratens“ mit meinem Anleiter. Ich habe viel gelernt über Verantwortung und Freiheit in der Beziehung zwischen den Helfenden und den Personen aus der Zielgruppe.
Weiterhin: Das Praxis-Reflexions-Seminar zum Berufspraktikum am Ende des Studiums. Dieses Format war für mich der Beginn meines Interesses an Supervision und Coaching.
Lange bevor es eine offizielle Struktur in Form eines Auslandsamtes gab, existierte eine Osteuropa-Gruppe an der ehs, die sich schon im ersten Jahrgang der Hochschule aus studentischem Betreiben entwickelt hatte und von der Hochschule sehr unterstützt wurde. Sie bildete die Grundlage für viele Entwicklungen „zu meiner Zeit“, z. B. dass ich mit 6 Kommiliton:innen aus Rumänien, Tschechien und Estland ein Semester gemeinsam studieren konnte. Das ermöglichte mir viele Blickerweiterungen „über den deutschen Tellerrand“ hinaus.
Aus der Arbeit dieser Gruppe sind (neben einer Reihe von Auslandsbesuchen, Studienfahrten und natürlich auch großartigen Feten!) mehrere verschiedene Projekte – wie die oben beschriebenen – entstanden. Eines davon ist die Europatagung (früher: Osteuropajahrestreffen), welche bis in die heutige Zeit alle zwei Jahre an der ehs stattfindet.
Meine Arbeit heute
Ich habe zwei Tätigkeitsfelder. Zum einen bin ich in der familienorientierten, stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig, am längsten als Hausleitung und Kinderdorfvater beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf. Ein wertvoller Schatz dieser Arbeit (neben der unerlässlichen Unterstützung durch meine Familie) ist für mich, in sehr langfristigen und intensiven Beziehungen als Bindungsperson zu agieren und die darin liegenden Potenziale in der Begleitung der jungen Menschen zu erschließen. Als sehr wirksam habe ich dabei erlebt, den familiären Kontext / die Herkunftsfamilien konkret einzubeziehen. Am besten ist diese Arbeit – glaube ich – in den Zeiten gelungen, wenn die organisatorischen und strukturellen Themen der Arbeit im Team und beim Träger gut geklärt waren.
Mein anderes Tätigkeitsfeld ist die Supervision und das Coaching. Hier bereitet es mir viel Freude, gemeinsam mit meinen Kundinnen und Kunden nach neuen Perspektiven und Möglichkeiten für ggf. sich als kompliziert und schwierig anfühlende Situationen zu suchen. Meine systemisch-konstruktivistische Haltung und der lösungsorientierte Blick sind dabei meine Grundlagen und werden meist im Feedback als nützlich und unterstützend zurückgemeldet.
Mein Rat an heutige Studierende
Ich glaube, jede Situation von Studierenden ist individuell, da möchte ich keine "Tipps" geben.
Eine persönliche Erfahrung aus meinem Studium ist, dass es mir viel gebracht hat, mich bei verschiedenen studentisch organisierten Projekten mit einzubringen. Oft hatte ich dabei erstmal weniger die Erwartung, dass dies nun genau das Projekt sein würde, was meinen Überzeugungen voll und ganz entspricht, sondern lediglich den Wunsch, mich auszuprobieren und zu lernen - sowohl ganz praktisch in den jeweiligen Tätigkeiten als auch etwas über mich selbst.
Der Wendepunkt
Während meines Auslandaufenthalts in Litauen habe ich in einem privaten Hilfswerk die Arbeit der familienorientierten stationären Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen eines Praktikums kennengelernt. Das hat meinen weiteren beruflichen Weg entscheidend geprägt. Vor dieser Zeit konnte ich mir eine Arbeit mit Kindern bzw. in der stationären Jugendhilfe noch am wenigsten von allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vorstellen. Nach dem Studium bin ich nun schon seit 28 Jahren in diesem Bereich tätig. Somit könnte man es als einen "Umweg über das Ausland" bezeichnen, wie ich zu meiner langjährigen Tätigkeit gekommen bin und es als ein Beispiel dafür sehen, wie ein veränderter Kontext bisherige Vorannahmen und Prämissen über den Haufen werfen kann.
