Startseite
Startseite

"Gute Sozialpädagogik beginnt mit Fehlerfreundlichkeit."

Mandy Köhler

Abschlussjahr:

2009

 

Studiengang:

Soziale Arbeit/ Sozialpädagogik mit theologischem Zusatzabschluss

 

heutige Position:

geschäftsführende Vorständin bei Diakonie St. Martin Rothenburg


Mein Weg zum Studium

Der Studiengang war eher ein „Muss“. Ich habe zur Wendezeit einen Abschluss als „Kindergärtnerin” absolviert. Diesen Beruf gab es dann zum Abschlussjahr nicht mehr. In der DDR waren jedoch alle pädagogischen Berufe so genannte Fachschulstudiengänge. Das bedeutete, dass man direkt nach der 10. Klasse mit einem sehr guten Notendurchschnitt in ein Studium gehen konnte. In der BRD gab es das so nicht und es wurde aus dem Fachschulstudiengang der DDR ein Fachabitur gemacht, womit der Weg frei wurde, zu studieren. Diese Entscheidung fiel erst 1994 und so hatte ich nach der Wende zuerst eine sogenannte „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmenstelle“, habe meinen Erzieherabschluss nachgeholt, eine Heilpädagogische Ausbildung absolviert und einige Jahre mit Menschen mit besonderen Herausforderungen gearbeitet: in der Frühförder- und Beratungsstelle, in einer Werkstatt für behinderte Menschen und als Leiterin einer Wohnstätte. Zwischendurch hatte ich eine kurze Episode in Köln, wo ich eine Ausbildung als Gestalttherapeutin gemacht habe. Als ich mich dann auf eine Stelle als Heimleitung bei der Diakonie beworben hatte und die Stelle auch bekam, wurde das Studium Pflicht, um Einrichtungen bestimmter Größe leiten zu können, und so habe ich die Chance genutzt. Das Lernen, wissenschaftlich zu arbeiten, Herangehensweisen und Methoden nutzen bis heute.


Prägende Momente während des Studiums

Meine besondere Herausforderung bestand darin, dass meine Tochter zu Beginn des Studiums in die Kita kam und ich die Geschäftsführung einer gGmbH übernahm, da aus dem Kinderheim, wo ich als Leiterin angestellt war, eine gGmbH wurde. So dass ich noch nebenbei die Ausbildung zur gGmbH- Geschäftsführerin beim TÜV Nord absolvierte. Ich hatte eine Studienkollegin, die mit mir aus dem gleichen Ort kam. Wir wohnten auch gemeinsam, wenn wir die Woche über in Dresden waren. Zum Abschluss des Studiums wurde sie 50 Jahre alt, was ich damals sehr bewunderte und mir zum Vorbild nahm. Ich möchte mein Leben lang lernen.

Theologie war für mich sehr spannend und da ich bei der Diakonie angestellt war, nutzte ich die Chance, den theologischen Zusatzabschluss zu machen. Diese Erfahrung hat mich dazu bewogen, mich als Diakonin einsegnen zu lassen und später noch Diakoniewissenschaften im Masterstudiengang in Bethel zu studieren. Ralf Evers (ehs Professor für Praktische Theologie und Generationenbeziehungen) und Ulf Liedke (ehemaliger ehs-Professor für Ethik und Diakoniewissenschaft) sind mir daher sehr in Erinnerung geblieben.

Die legendärsten Partys waren in der Alten Villa in der Wiener Straße. Abends gefeiert und im Seminarraum geschlafen, früh wieder im selben Raum studiert und Ullrich Gintzel (ehemaliger ehs-Professor für Sozialarbeitswissenschaft / Sozialpolitik) konnte erbarmungslos sein. Da wir immer eine Woche in Dresden waren, also im Block, habe ich diese Zeit so gut wie möglich ausgenutzt, weil ich wusste: wenn ich wieder zurück bin, dann ist keine Zeit. Einmal habe ich 7 Scheine in einer Woche geschrieben. Für meine Diplomarbeit habe ich Interviews geführt. Erkenntnis: Nie wieder empirische Untersuchungen und Transkripte schreiben!


Meine Arbeit heute

Ich bin eine von zwei geschäftsführenden Vorständen eines Unternehmensverbundes mit 2000 Mitarbeitenden in 15 Gesellschaften. In meinem Beruf braucht es den Blick für das Notwendige und den Mut, dieses durchzusetzen, d.h. Verantwortung übernehmen und tragen, dabei einen guten Blick für Ablauf- und Aufbauorganisation eines Unternehmens zu haben und diese aktiv zu gestalten. Ich habe immer schon gern die „Führung“ übernommen und einen Weg erkannt und gezeigt, der gangbar ist, und konnte Menschen dafür begeistern. Das mache ich immer noch, und das macht mir Spaß. Ich arbeite gern, ich lerne gern neue Dinge. Ich begeistere gern Menschen, kann aber auch ziemlich anstrengend werden, wenn jemand nicht dem notwendigen Weg folgen kann oder will. In Führung ist man einsam. „Man bekommt nie Kekse, wenn andere welche bekommen.“ Macht man es gut, ist es okay, und es wird gefragt, warum nicht noch besser. Macht man etwas nicht so gut, kennt der Shitstorm kaum Grenzen. Mitarbeitende gehen äußerst kritisch mit einem um, man fühlt sich daher auch oft unverstanden. Führung ist immer noch eine „Männerwelt“, wo man sich als Frau immer wieder behaupten muss. Es braucht echte Freunde als Korrektiv, um nicht abzuheben. Work-Life Balance kann man vergessen.


Mein Rat an heutige Studierende

Als Sozialpädagog:in gerät man immer an betriebswirtschaftliche Herausforderungen; Sozialromantik hilft einem dort nicht weiter; eher das Wissen und das Verständnis um Zahlen. Daher musste auch ich mich mit den Zahlen und vor allem der Refinanzierung der Sozialen Arbeit auseinandersetzen und habe dann auch noch Sozialmanagement studiert. Hat man dieses Wissen, erhöht das die Akzeptanz, gerade in der Zusammenarbeit mit Verwaltungen. Vermeidet Floskeln wie: „Der Weg ist das Ziel...“ Wenn Soziale Arbeit zentrales Bindeglied für gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit bleiben soll, dann lasst euch auf Kennzahlen ein, auf Messbarkeit der Angebote und reagiert flexibel in euren Methoden, nur so können wir die Finanzierung nachhaltig sichern.

„Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi“, habe ich mal gelesen. Daher würde ich nichts anders machen, sondern weiter immer aus dem lernen, was schiefgelaufen ist. Eine gute Sozialpädagogin, ein guter Sozialpädagoge ist fehlerfreundlich mit sich und anderen.


Der Wendepunkt

Ich musste mich an einem Abend zwischen dem 23. und 24. 12. bei einem Notar entscheiden, ob ich die Verantwortung für ein Unternehmen übernehmen möchte, welches kurz vor der Insolvenz stand und mit 1,3 Millionen Euro Schulden belastet war, in persönlicher Haftung. Ich habe dieses damals getan (im Übrigen, mit heutigem Wissen wahrscheinlich nicht mehr) und das hat mich an meine Grenzen gebracht, mir aber meine Leistungsfähigkeit gezeigt und den Weg geebnet. An dieser Stelle: Ohne meinen Mann hätte ich das nie geschafft, er konnte zum Schluss dann sogar Zöpfe flechten. Wermutstropfen: Zu wenig Zeit für meine Tochter, als sie klein war. Mit Problemen geht sie heute noch zuerst zu Papa.