"Heute weiß ich, was ich kann."
Kerstin Wendt
Abschlussjahr:
2025
Studiengang:
Soziale Arbeit (B.A. | berufsbegleitend)
heutige Position:
Sozialarbeiterin in der Wohnungsnotfallhilfe bei der Diakonie Westsachsen Stiftung
Mein Weg zum Studium
Ich wollte schon immer im sozialen Bereich arbeiten. Meinen ersten Beruf erlernte ich zu DDR-Zeiten. Durch die Wende verlor ich meinen Arbeitsplatz und versuchte, erneut im sozialen Bereich Fuß zu fassen. Das war jedoch nicht möglich, also absolvierte ich eine Umschulung zur Hotelfachfrau. Zumindest konnte ich hier mit Menschen arbeiten. Ich erwarb die Befähigung, Auszubildende auszubilden. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, in den sozialen Bereich zu wechseln. Ich arbeitete also vor dem Studium ca. 12 Jahre bei privaten Bildungsträgern, stieß aber aufgrund meines nicht vorhandenen Abschlusses als Sozialarbeiterin immer wieder an meine Grenzen. Die Frage, ob ich noch studieren sollte, beschäftigte mich sehr lange, ohne dass ich eine Entscheidung traf. Ich hatte kein Abitur und traute mir aus diesem Grund ein Studium nur schwer zu. Zudem war ich schon einige Jahre aus der Schule heraus. Kolleg:innen und Freund:innen rieten mir jedoch immer wieder dazu und bestärkten mich. Letztlich informierte ich mich an verschiedenen Hochschulen. Die ehs bot den Workshop „Kompetent ins Studium” an, an dem ich teilnahm. Dieser Workshop war der Grund, warum ich mich an der ehs bewarb. Er holte mich völlig ab, beantwortete meine Fragen, nahm mir die Angst und bestärkte mich in meinem Vorhaben.
Prägende Momente während des Studiums
Während des Studiums hatte ich erneut die Gelegenheit, mich mit völlig neuen Themen zu befassen und mich mit anderen Studierenden darüber auszutauschen. Dadurch ergaben sich teilweise ganz neue Perspektiven. Die regelmäßig stattfindenden Studienwochen waren für mich eine Auszeit vom Alltag. Da ich nicht aus Dresden komme, war ich immer eine Woche lang von zu Hause weg. Das hatte den Vorteil, dass ich mich in dieser Zeit komplett auf das Studium konzentrieren konnte.
Zeitlich war es eine Herausforderung. Es mussten vier Jahre Familie, Beruf und Studium unter einen Hut gebracht werden. Es fand ja nicht nur in den Studienwochen Lehre statt. Es gab auch dazwischen viel zu lernen und zu bearbeiten. Dadurch zeigten sich aber auch viele neue Erkenntnisse. Sei es beruflich oder privat. Ich war überrascht, wozu ich fähig war, nachdem ich das Lernen wieder erlernt hatte. Ich war zu Beginn meines Studiums 49 Jahre alt.
Im Praxissemester konnte ich einen anderen Arbeitsbereich kennenlernen, der mich ebenfalls sehr faszinierte. Für diese Chance bin ich sehr dankbar.
Vor den vielen Prüfungen hatte ich anfangs großen Respekt und auch Angst, es nicht zu schaffen. Im Laufe der Zeit wurde das jedoch immer besser, mein Selbstbewusstsein wuchs und ich war gerade so aufgeregt, dass ich die Prüfungen gut absolvieren konnte. Somit war das gesamte Studium für mich prägend und ich kann sagen, dass ich keinen Tag bereut habe.
Meine Arbeit heute
Ich bin als Sozialarbeiterin in der Wohnungsnotfallhilfe tätig. Zu meinen Aufgaben gehören das ambulant betreute Wohnen und beratende Tätigkeiten. Diese Arbeit ist sehr herausfordernd, aber auch erfüllend. Jeder Tag ist anders. Ich weiß nie, mit welchen Schicksalen und Problemen ich konfrontiert werde. Jede Unterstützungsleistung verläuft anders. Der bürokratische Aufwand ist jedoch sehr hoch und wird durch die aktuellen finanziellen Kürzungen noch verstärkt. Das war mir zu Beginn meiner Arbeit nicht bewusst. Ich hätte gerne mehr Zeit für die Menschen.
Da ich bereits vor meinem Studium in der Wohnungsnotfallhilfe tätig war, hat sich durch das Studium lediglich mein Aufgabenbereich geändert.
Ich schätze es, sehr selbstständig arbeiten zu können, meine Zeiten selbst einteilen zu können und ein Team zu haben, mit dem ich mich jederzeit austauschen kann, beispielsweise in einer Fallbesprechung.
Mein Rat an heutige Studierende
In meinem Fall würde ich sagen: Nicht so lange zögern, sondern es einfach versuchen. Mehr als schief gehen, kann es nicht. Es gibt immer Unterstützung, wenn man diese benötigt.
Gerade bei fehlendem Abitur sollte man keine Angst vor der Aufnahmeprüfung haben, denn es gibt die Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten. Natürlich ist es mit viel Aufwand und Lernbereitschaft verbunden, wie das gesamte Studium. Und man sollte es wirklich wollen. Das Studium eröffnet viele neue Wege und ist eine große Bereicherung.
Der Workshop „Kompetent ins Studium” war sehr hilfreich und hat im Vorfeld viele Fragen beantwortet. Gerade der Austausch mit Studierenden war sehr förderlich für die Entscheidungsfindung.
Was ich heute anders machen würde? Ich würde definitiv nicht mehr so lange zögern.
Wenn ich früher von diesem Workshop gewusst hätte, hätte ich mich viel früher dafür entschieden.
Der Wendepunkt
Ich denke, die Entscheidung für das Studium war mein Wendepunkt. Heute weiß ich, was ich kann. Ich bin selbstsicherer geworden. Ohne den Abschluss dürfte ich meine jetzige Tätigkeit nicht ausüben. Mit dem Abschluss ergeben sich viele Möglichkeiten. Wenn ich jünger wäre, würde ich sicher weiter studieren oder eine Zusatzqualifizierung absolvieren.
Ich weiß jedoch auch, dass gute praktische soziale Arbeit auch ohne Abschluss ausgeführt werden kann. Das wird jedoch nur selten anerkannt und vor allem nicht honoriert.
Ich habe im Studium zwar viel gelernt und meinen Horizont erweitert, meine grundsätzliche Arbeitseinstellung hat sich dadurch jedoch nicht verändert.
