Startseite
Startseite

"Ich wusste damals: Ich will mit Menschen arbeiten."

Jan Witza

Abschlussjahr:

2006 & 2026

 

Studiengang:

Religionspädagogik (Diplom) - ehemals Evangelische Hochschule Moritzburg &
Sozialmanagement (MBA | berufsbegleitend)

 

heutige Position:

Referent gesellschaftspolitische Kommunikation Diakonie Sachsen / Geschäftsführer der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Sachsen


Mein Weg zum Studium

Mein Weg zum Studium war keine von langer Hand geplante Entscheidung, sondern eine Suchbewegung mit klarer innerer Richtung. Ich wusste damals: Ich will mit Menschen arbeiten. Mich interessierten ihre Lebenswege, ihre Fragen, ihre Brüche und Entwicklungen. Zunächst dachte ich deshalb an ein Studium der Sozialen Arbeit. Den entscheidenden Impuls erhielt ich von meiner damaligen Jugendreferentin der Evangelischen Jugend. Sie kannte mein intensives Engagement und reagierte fast fassungslos auf meinen Studienwunsch: „Du musst Gemeindepädagoge werden.“ Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass man das studieren kann. Also recherchierte ich und bewarb mich an verschiedenen Fachhochschulen. Die Hochschule Moritzburg lud als erste zum Bewerbertag ein. Ich fuhr 12,5 Stunden mit der Regionalbahn von tief im Westen sehr tief in den Osten. Auch biografisch war das unbekanntes Gelände. Ich bin in Hessen geboren, wurde in Baden-Württemberg eingeschult und habe meinen Schulabschluss in Niedersachsen gemacht. Im Osten war ich vorher noch nie. Ich habe mich für Moritzburg entschieden, weil von dort die erste Zusage kam. Das klingt zwar pragmatisch, war rückblickend aber eine gute Entscheidung. Gereizt haben mich die Praxisnähe, das christlich-diakonische Profil und insbesondere der Campus Moritzburg. Von 2002 bis 2006 habe ich Diplom-Religionspädagogik studiert. Und gut 20 Jahre später, von 2024 bis 2026 das Masterstudium Sozialmanagement an der ehs erfolgreich absolviert. Das Lernen hört tatsächlich nie auf.


Prägende Momente während des Studiums

Das Zusammenspiel aus Lehre, Campusleben, persönlicher Reifung und der ständigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Haltungen war prägend. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Prof. Hildegard Wickel aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und Christoph Wolf aus dem Bereich der Jugendarbeit. Beide hatten eine große Prägekraft, da sie Fachlichkeit, Haltung und auf je eigene Weise auch Religiosität miteinander verbanden. Es ging nicht nur um Methoden oder Prüfungswissen, sondern auch um die Frage, wie man als Person professionell, glaubwürdig und verantwortlich handelt. Eine besondere Rolle spielte das Campusleben. Die Semestergruppe war mit knapp 25 Personen überschaubar. Wir lebten in den Wohnheimen, hatten kurze Wege und verbrachten viel Zeit gemeinsam. So entstand neben den Vorlesungen eine Art „diakonische Lebensschule”. Man konnte sich nicht aus dem Weg gehen. Unterschiedliche Frömmigkeiten, politische Haltungen und Lebensgeschichten trafen unmittelbar aufeinander. Das war bereichernd, aber nicht immer konfliktfrei. Ich habe gelernt, mit Menschen unterschiedlicher Prägung ein Miteinander zu finden, Konsens nicht vorauszusetzen, sondern auszuhandeln, Unterschiede auszuhalten und Beziehungen nicht vorschnell abzubrechen. Diese Fähigkeiten sind bis heute nützlich. Rückblickend hat mich der Studienaufbau in meinem Reifeprozess gut begleitet. Am Anfang stand die Suchbewegung. Am Ende hatte ich ein differenzierteres Bild davon, was ich kann, wofür ich stehe und wie ich arbeiten möchte. Das Studium half mir, ein eigenes Profil zwischen Pädagogik, Kirche, Diakonie und der Begleitung von Menschen in Veränderungsprozessen zu entwickeln.


Meine Arbeit heute

Heute arbeite ich als Referent für sozialpolitische Kommunikation bei der Diakonie Sachsen und bin derzeit Geschäftsführer der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Sachsen. In meiner Arbeit befasse ich mich mit den Schnittstellen zwischen sozialer Praxis, Öffentlichkeit, Politik und verbandlicher Strategie. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem Positionierungen, Pressearbeit, Kampagnen, Gremienarbeit, Moderation, Beratung und politische Interessenvertretung.

Sie ist für mich sinnvoll, weil es um Fragen geht, die Menschen unmittelbar betreffen. Menschenwürde, Nächstenliebe und Teilhabe sind keine abstrakten Konzepte, sondern Leitideen, die sich in Haushaltsfragen, fachlichen Standards und öffentlicher Wahrnehmung bewähren müssen.

Diese Übersetzungsarbeit ist reizvoll. Ich arbeite mit Sprache, verbinde Menschen, Themen und Perspektiven, bin nah an der Praxis und zugleich an politischen Prozessen. Mich treibt an, fachliche Anliegen so zur Sprache zu bringen, dass sie Wirkung entfalten. Herausfordernd ist die Komplexität. Ressourcen sind knapp, Erwartungen sind hoch und Debatten sind oft polarisiert. Man muss verdichten, ohne zu verkürzen, zuspitzen, ohne unfair zu werden.

Mich trägt 2. Timotheus 1,7– Kraft, weil diese Arbeit Standfestigkeit verlangt. Liebe, weil es um Menschen geht. Besonnenheit, weil Empörung allein keine gute Politik macht.


Mein Rat an heutige Studierende

Nehmt den Studiengang ernst, aber macht eure berufliche Zukunft nicht zu eng. Was man hier lernt, ist mehr als nur die Vorbereitung auf ein bestimmtes Berufsbild. Es geht um Kommunikation, Bildung, Begleitung, (theologische) Reflexion, soziale Verantwortung und Konfliktfähigkeit. Diese Kompetenzen sind breiter einsetzbar, als man anfangs denkt. Sucht im Studium bewusst Grenzerfahrungen. Nicht leichtsinnig, sondern mutig. Die eigene Grenze ist ein Entwicklungsraum – man muss ihr nur den Geschmack der Katastrophe nehmen. Nicht jede Überforderung ist ein Scheitern. Manchmal zeigt sich so Wachstum. Und fragt nicht: „Welche Stelle passt zu meinem Abschluss?” Sondern fragt, welche Themen euch bewegen und wo ihr wirksam sein könnt.

Vor Zynismus würde ich warnen! Knappe Ressourcen, eingefahrene Routinen und Enttäuschungen gehören zwar dazu, doch Zynismus verstellt die Gestaltungsräume, denn es klingt häufig klug, ist aber oft nur Resignation. Gute Arbeit entsteht dort, wo Menschen bereit sind, dazuzulernen und Verantwortung zu übernehmen.