"Ich habe nach Sinnhaftigkeit gesucht."
Dagmar Brauntsch
Abschlussjahr:
2024
Studiengang:
Soziale Arbeit (B.A. | Vollzeit)
heutige Position:
Fachkraft Ambulantes Betreutes Wohnen bei der Lebenshilfe Dresden e.V.
Mein Weg zum Studium
In den ersten zehn Jahren nach meinem Abitur habe ich im Lebensmitteleinzelhandel gearbeitet. Neben der Ausbildung und Fortbildung, die mich befähigt haben, als Abteilungsleitung eingesetzt zu werden, habe ich das Studium zur Handelsfachwirtin abgeschlossen. 2016 kündigte ich und ging für ein Jahr allein auf Weltreise. Ich besuchte verschiedene Länder rund um den Globus und die Erlebnisse dort bewegten etwas in mir. Zurück in Deutschland benötigte ich so schnell wie möglich wieder ein geregeltes Einkommen und versuchte, nahtlos an meinen bisherigen Berufsweg anzuknüpfen. Bereits nach kürzester Zeit merkte ich jedoch, dass die fehlende Sinnhaftigkeit stark an meiner Motivation zehrte. Bei der Suche nach einer Tätigkeit, die ich wieder mit Freude ausüben wollte, stellte ich fest, dass alle Jobangebote, die mich interessierten, im sozialen Bereich verankert waren und mir dafür die Qualifikationen fehlten. Ich beendete die Suche nach einer Arbeitsstelle und begann mit der Recherche nach geeigneten Ausbildungsmöglichkeiten. Die ehs stand schnell an erster Stelle meiner persönlichen Auswahl: Sie ist die einzige Fachhochschule, die sich von einer Bewertung ihrer Studieninteressent:innen über Abschlussnoten distanziert und ein wirklich aufwendiges Auswahlverfahren durchführt.
Prägende Momente während des Studiums
Ja, ich habe viele prägende Momente erlebt. Diese hatten jedoch weniger Einfluss auf meine Jobauswahl als auf meine innere Haltung.
- die Willkommenswoche in Pirna-Liebethal
- mein sechswöchiges Praktikum im Hospiz Radebeul. Die Themen Tod und Sterben hatten bisher keine große Rolle in meiner Biografie gespielt. Selbst auf einer Beerdigung war ich noch nie. Rückblickend war die Entscheidung für dieses Tätigkeitsfeld goldrichtig.
- Alle Studium-Generale-Veranstaltungen, die ich besuchen durfte, vor allem „Soziologie der Farben” und „Paradiesisch Musizieren”,
- die von Dozentin Frau Schwarke organisierte Führung durch die Frauenkirche (davon schwärme ich bis heute)
- Mein Essay im ersten Semester unter Dozent Bernhard Wagner: „Schützt oder schadet die Immunität von Abgeordneten der Demokratie?”
- jede einzelne Gruppenarbeit mit meinen Kommiliton:innen (ich habe eine Hassliebe zu Gruppenarbeiten, aber die Zeit mit den anderen war immer sehr wertvoll).
- eine Meditation, die ich von Frau Schwarke gelernt habe und bis heute im Alltag anwende: Was siehst du, was hörst du, was riechst du, wie fühlt sich dein Körper an, was denkst du, was fühlst du, was brauchst du und – ergänzt um meinen persönlichen Abschluss – wofür bist du dankbar?
- Das Bachelor-Semester: Die Zeit, in der ich mich entschieden habe, mich ausschließlich darauf zu konzentrieren, und deswegen so wenig gestresst war (tatsächlich!).
Meine Arbeit heute
Ich assistiere Menschen mit Behinderung, die in der Lage sind, alleine zu wohnen (zum Teil mit Familie oder Partner:in). Ich habe sechs Klient:innen im Alter von 18 bis 75 Jahren. Wie oft und wie lang wir uns sehen, variiert sehr stark: Manche sehe ich fünf Stunden pro Woche, anderen reicht es aus, wenn wir uns alle zwei Wochen für 90 Minuten im Büro treffen. Die Tätigkeiten sind so verschieden wie die Menschen und deren Aufträge. Bürokratische Tätigkeiten (Anträge stellen, Assistenz beim Abheften von Dokumenten), Freizeitaktivitäten (Spielplätze, Konzerte, Wandern, Tischtennis und vieles mehr), Kochen, Putzen, Geldeinteilung, Wochenplanung, Begleitung zu Arztbesuchen und Fachterminen (z. B. Polizei, Anwält:innen und Jugendamt) sowie das Transferieren von Inhalten in Leichte Sprache und Entlastungsgespräche.
Ich liebe die Abwechslung und dass ich in der Regel 1:1 arbeiten kann und darf. Ich finde es großartig, dass ich monatlich Supervision und Kollegiale Fallberatung nutzen darf. Ich schätze mein Team und die Fehlerkultur, die bei uns gelebt wird. Ich kann jederzeit Fragen stellen, wenn ich Rat benötige oder nicht weiterweiß.
Eine große Herausforderung ist das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz zu meinen Klient:innen. Und die Organisation der eigenen Woche inklusive des ständigen Abwägens von Prioritäten.
Mein Rat an heutige Studierende
Ich hätte mir gerne viel mehr Zeit gelassen, um mich intensiver mit den Themen zu befassen, die mich interessieren. Wer die Möglichkeit hat, dem empfehle ich, das Studium nicht in Regelstudienzeit zu absolvieren. Ich hätte auch gerne noch mehr Studium Generale-Veranstaltungen besucht und in meiner Freizeit viel mehr Fachliteratur verschlungen. Aufgrund meiner finanziellen Lage und des persönlichen Drucks war mir das jedoch nicht vergönnt und ich stand ständig unter Stress.
Mut zum Praktikum: Da wir zwei Praktika absolvieren müssen, bin ich sehr dankbar für meine Entscheidung, eines davon in einem Tätigkeitsfeld gemacht zu haben, das ich mir beruflich gar nicht vorstellen konnte.
Der Wendepunkt
Ein halbes Jahr vor meinem Abschluss im Juli 2024 hat die Vorgesetzte und Anleiterin aus meinem großen Praktikum mich gefragt, ob ich in ihr Team einsteigen möchte, da eine Mitarbeiterin in Mutterschutz geht. Ich habe schweren Herzens abgelehnt, da ich mir eine Pause nach dem Studium gönnen wollte, mir aber bewusst war, dass es sich um ein wirklich tolles und vielleicht einmaliges Angebot handelte.
Nach meinem Abschluss bin ich für drei Monate auf Reisen durch Osteuropa gegangen und danach motiviert und voller Tatendrang zurückgekommen. Ich wurde jedoch enttäuscht: Ich habe bestimmt 20 bis 30 Bewerbungen versendet, wurde maximal fünfmal zum Gespräch eingeladen und habe erst fünf Monate nach meiner Rückkehr eine neue Arbeitsstelle gefunden.
Mein großer Wunsch war es, mit alten Menschen zu arbeiten, im Hospiz oder in der Migrationssozialarbeit. Darin war ich mir eigentlich sehr klar. Doch die lange erfolglose Bewerbungsphase führte dazu, dass ich meinen Suchradius vergrößerte und auch „OK”-Stellen anschrieb, also Tätigkeiten und Berufsfelder, die ich mir nur bedingt vorstellen konnte. Nur dank dieses Umstandes bin ich heute in einem Tätigkeitsfeld angekommen, das mir so große Freude bereitet, und dafür bin ich rückblickend sehr, sehr dankbar.
