"Wer fragt, lernt dazu."
Alona Shalbanova
Abschlussjahr:
2025
Studiengang:
Soziale Arbeit (B.A. | Vollzeit)
heutige Position:
Projektleiterin Ukrainisches Zentrum bei Plattform Dresden e.V.
Mein Weg zum Studium
Ich bin vor zehn Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, nachdem ich mein Jurastudium abgeschlossen hatte. Mein Weg war erst mal nicht geradlinig: Ich arbeitete als Au-pair, lernte Deutsch, kümmerte mich als Hausfrau um meine Familie, probierte verschiedene Tätigkeiten aus und wurde Mutter.
Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine änderte sich vieles. Auf einmal kamen viele Geflüchtete nach Deutschland. Ich spreche Ukrainisch und Deutsch. Deshalb habe ich angefangen, ehrenamtlich zu dolmetschen. Ich habe Menschen bei Behördengängen, Arztbesuchen und bei Fragen im Alltag unterstützt. Oft hatte ich mein Kind dabei.
Dabei wurde mir bewusst, dass gute Unterstützung mehr braucht als Engagement und Lebenserfahrung. Ich wollte Menschen professionell begleiten und begann, über ein Studium nachzudenken. In einer Unterkunft für Geflüchtete lernte ich eine Studentin der Sozialen Arbeit an der ehs kennen. So erfuhr ich mehr über den Studiengang und entschied mich, mich zu bewerben – obwohl die Bewerbungsfrist vorbei war.
Kurz darauf stellte sich heraus, dass auch eine Freundin von mir, mit der ich zuvor gemeinsam einen C1-Deutschkurs besucht hatte, an der ehs angenommen wurde. Das fühlte sich für mich wie ein Zeichen an. Wir haben uns während des Studiums immer unterstützt und sind diesen Weg gemeinsam gegangen.
Prägende Momente während des Studiums
Schon zu Beginn meines Studiums wusste ich, dass ich mit Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten möchte. Ich bin selbst Migrantin und habe viele Integrationsprozesse erlebt. Deshalb fand ich es besonders spannend, die theoretischen Grundlagen kennenzulernen und meine Erfahrungen fachlich einordnen zu können.
Besonders gut fand ich das Fach Recht. Ich fühlte mich in Jura sofort zuhause, weil es mein erster Beruf war. Die größte Herausforderung bestand darin, juristische Definitionen und Fachbegriffe auf Deutsch zu verstehen. Ich war stolz, als ich in einer Klausur als Einzige aus dem Kurs eine rechtliche Berechnung korrekt gelöst hatte. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich trotz sprachlicher Hürden viel erreicht hatte.
Eine Hausarbeit zum Thema "Empowerment von Migrantinnen" hat mich besonders geprägt. Dort lernte ich den Empowerment-Ansatz kennen. Das Thema faszinierte mich so sehr, dass Frauenarbeit und die Stärkung von Frauen seitdem ein wichtiger Schwerpunkt meines beruflichen Interesses geblieben sind.
Mein erstes Praktikum absolvierte ich in einer Schwangerschaftsberatungsstelle. Die Arbeit dort hat mich nachhaltig beeindruckt, und ich könnte mir bis heute gut vorstellen, in diesem Bereich tätig zu sein. Mein zweites Praktikum führte mich ins Büro der Integrations- und Ausländerbeauftragten der Stadt Dresden. Dort gewann ich wertvolle Einblicke in kommunale Strukturen, politische Prozesse und knüpfte viele Kontakte, die mich bis heute begleiten.
Meine Arbeit heute
Ich leite das Projekt "Ukrainisches Zentrum" bei Plattform Dresden e.V. Ich berate Menschen, organisiere Veranstaltungen und baue Netzwerke auf. Außerdem unterstütze ich ukrainische Zugewanderte bei ihrer Integration.
Die Arbeit mit Menschen ist das Schönste und das Herausforderndste an meinem Beruf. Menschen können uns inspirieren, motivieren und neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig können sie einen auch enttäuschen, verärgern oder viel Energie kosten. Jeden Tag begegne ich unterschiedlichen Persönlichkeiten, Erwartungen, Verantwortungsgefühlen und Motivationen.
Besonders in der Projektarbeit erlebt man oft Höhen und Tiefen. Manchmal melden sich 30 Personen für eine Veranstaltung an und am Ende erscheinen nur 15. In solchen Momenten frage ich mich, ob sich der Aufwand überhaupt gelohnt hat. Doch dann entstehen intensive Gespräche, Menschen stellen wichtige Fragen und berichten, dass sie durch die Veranstaltung neue Orientierung gefunden haben. Wenn dadurch auch nur eine Person einen Ausbildungsplatz, einen Job oder neue Perspektiven findet, weiß ich, warum ich diese Arbeit mache.
Deshalb empfinde ich Projektarbeit oft wie eine Schaukel: Mal ist man emotional unten, mal oben. Genau diese Dynamik macht sie aber auch lebendig und sinnstiftend.
Mein Rat an heutige Studierende
Mein wichtigster Rat lautet: Wenn Sie ein Ziel vor Augen haben, lassen Sie sich nicht zu schnell entmutigen. Dieses Prinzip hat mich durch das gesamte Studium begleitet. Ich wollte mein Studium schnell abschließen. Und tatsächlich habe ich meinen Bachelor nach sechs Semestern ohne Wiederholungsprüfung geschafft. Natürlich war das nicht immer einfach, besonders mit Familie und Beruf neben dem Studium. Aber ein klares Ziel hat mir geholfen, auch in stressigen Phasen dranzubleiben.
Es ist wichtig, Leute zu finden, die Sie begleiten. Das Studium kann herausfordernd sein. Niemand sollte alles allein bewältigen müssen. Ich hatte das Glück, eine enge Freundin an meiner Seite zu haben. Wir haben uns gegenseitig motiviert, unterstützt und manchmal auch einfach gemeinsam über schwierige Situationen gelacht. Solche Menschen sind unbezahlbar.
Ich empfehle, so früh wie möglich einen eigenen fachlichen Schwerpunkt zu finden. Nutzen Sie Praktika, Projekte und Hausarbeiten, um herauszufinden, was Sie interessiert. Wer sich auf ein Thema konzentriert, das ihn begeistert, entwickelt nicht nur Fachwissen, sondern auch eine berufliche Perspektive.
Der Wendepunkt
Während des Studiums habe ich mich fast ausschließlich mit Migration, Integration und der Arbeit mit Menschen mit Fluchtgeschichte beschäftigt. Trotzdem habe ich mich entschieden, meine Bachelorarbeit über ein Thema aus dem Bereich der frühen Bildung zu schreiben.
Rückblickend war das wahrscheinlich nicht die beste Entscheidung. Die Bachelorarbeit war die schlechteste Note meines Studiums. Ich habe gelernt, dass man Themen wählen sollte, die einen interessieren und in denen man sich weiterentwickeln möchte.
Eine weitere wichtige Erkenntnis war für mich, dass man keine Angst haben sollte, Fragen zu stellen. Als Nicht-Muttersprachlerin hatte ich oft das Gefühl, etwas nicht richtig verstanden zu haben. Aber ich habe gelernt, dass es keine dummen Fragen gibt. Wer fragt, lernt dazu. Was ich damals erlebt habe, hilft mir heute bei der Arbeit. Viele Menschen haben Unsicherheiten. Ich weiß, dass es wichtig ist, offen nachzufragen.
