Pflege auf dem Land: Prof. Dr. Thomas Fischer diskutiert beim SachsenSofa über Lösungen
Wie kann eine verlässliche pflegerische Versorgung im ländlichen Raum künftig gelingen? Darüber diskutierte Prof. Dr. Thomas Fischer, Professor für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Dresden, beim SachsenSofa „Pflege am Limit?“ mit Sachsens Sozialministerin Petra Köpping und Kati Kade, 1. Beigeordnete des Landrats Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Dabei wurde deutlich: Es braucht nicht nur mehr Fachkräfte, sondern auch weniger Bürokratie, neue Formen der Zusammenarbeit und mehr Verantwortung für qualifizierte Pflegefachpersonen.
Etwa zwei Drittel der Menschen in Sachsen leben im ländlichen Raum. Gleichzeitig ist dort der Anteil der über 65-Jährigen höher als in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Für die pflegerische Versorgung bringt das besondere Herausforderungen mit sich: Ambulante Pflegedienste müssen weite Wege zurücklegen, Fachkräfte fehlen und Angehörige übernehmen einen großen Teil der Pflege, häufig zusätzlich zu Beruf und Familie.
Beim SachsenSofa am 28. September 2026 im Haus Seeblick in Paulsdorf/Dippoldiswalde kamen unterschiedliche Perspektiven auf diese Herausforderungen zusammen: die der Landespolitik, der kommunalen Ebene und der Pflegewissenschaft.
Pflegedienste stoßen an ihre Belastungsgrenzen
Prof. Dr. Thomas Fischer machte deutlich, dass die Herausforderung nicht allein darin besteht, ob Pflegeangebote grundsätzlich vorhanden sind. Viele Pflegedienste könnten den Bedarf schon heute nicht mehr vollständig abdecken. „Die, die es gibt, sind an der Belastungsgrenze“, beschrieb Fischer die Situation. Hinzu kommt die Fachkräftefrage. Für Fischer geht es dabei nicht nur darum, grundsätzlich mehr Menschen für Pflegeberufe zu gewinnen. Entscheidend sei auch, Menschen im ländlichen Raum zu halten, sie dort zu qualifizieren und ihnen berufliche Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. Dafür braucht es attraktive ländliche Regionen, gute Bildungsangebote und Strukturen, die es ermöglichen, auch außerhalb der großen Städte verantwortungsvolle Aufgaben in der Pflege zu übernehmen.
Mehr Verantwortung für Pflegefachpersonen
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage, wie die vorhandenen Kompetenzen von Pflegefachpersonen besser genutzt werden können. Thomas Fischer plädierte dafür, Pflege nicht isoliert zu betrachten, sondern Gesundheitsversorgung stärker zu vernetzen und qualifizierten Pflegefachpersonen mehr eigenständige Verantwortung zu übertragen. So könnten entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen beispielsweise bestimmte Hilfsmittel selbst verordnen, statt dafür zusätzliche Abstimmungen mit Hausärzt führen zu müssen. Gerade in ländlichen Regionen mit langen Wegen und einer zunehmend angespannten medizinischen Versorgung könnten solche Veränderungen Abläufe vereinfachen und Versorgung verbessern. Dafür brauche es allerdings auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen.
„Was ist uns die Pflege wert?“
Auch Sachsens Sozialministerin Petra Köpping machte deutlich, dass die Zukunft der Pflege nicht allein unter Kostengesichtspunkten diskutiert werden könne. Mit Blick auf die anstehenden Reformen auf Bundesebene kritisierte sie, dass bisherige Reformansätze häufig vor allem auf Einsparungen zielten. Ihre zentrale Frage lautete deshalb: „Was ist uns die Pflege wert?“ Damit rückte Köpping auch die politische Verantwortung in den Mittelpunkt. Denn die Herausforderungen reichen von der Finanzierung und den gesetzlichen Rahmenbedingungen über Bürokratie bis hin zur Anerkennung der Arbeit von Pflegefachpersonen.
Die kommunale Perspektive: Versorgung vor Ort sichern
Kati Kade brachte als 1. Beigeordnete des Landrats Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Leiterin des Geschäftsbereichs Gesundheit, Soziales und Ordnung die kommunale Perspektive in die Diskussion ein. Gerade im ländlichen Raum zeigt sich, wie eng Pflege mit anderen Bereichen der Daseinsvorsorge verbunden ist. Medizinische Versorgung, Mobilität, Beratungsangebote und die Unterstützung pflegender Angehöriger müssen vor Ort zusammenspielen. In der Diskussion ging es deshalb auch um regionale Entwicklungen und konkrete Probleme aus dem Landkreis – von der Erreichbarkeit von Angeboten bis zu möglichen Praxisschließungen und den Auswirkungen bundespolitischer Entscheidungen auf die Versorgung vor Ort.
Nicht immer neue Modellprojekte – sondern Strukturen verändern
Viele Ideen für eine bessere Versorgung sind nicht neu. Innovative Versorgungsmodelle wurden in den vergangenen Jahren bereits in zahlreichen Projekten erprobt. Für Thomas Fischer liegt eine entscheidende Aufgabe deshalb darin, aus diesen Erfahrungen dauerhafte Veränderungen abzuleiten. Seine Forderung während der Diskussion: „Wir haben X Modellprojekte gehabt, lasst uns das jetzt mal richtig machen und wirklich was verändern.“ Der Satz fasst einen zentralen Gedanken des Abends zusammen: Gute Ansätze müssen den Weg aus zeitlich begrenzten Projekten in die reguläre Versorgung finden.
Die Diskussion beim SachsenSofa zeigte zugleich, dass es für die Zukunft der Pflege im ländlichen Raum keine einzelne Lösung geben wird. Fachkräftegewinnung und Qualifizierung, die Kompetenzen von Pflegefachpersonen, medizinische Versorgung, Finanzierung, Mobilität, kommunale Strukturen und die Unterstützung pflegender Angehöriger müssen zusammengedacht werden.
SachsenSofa: Diskussion zwischen Politik, Wissenschaft und Region
Das SachsenSofa ist ein gemeinsames Dialogformat der Evangelischen Akademie Sachsen und der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Es bringt Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens mit Bürger im ländlichen Raum ins Gespräch. Die Veranstaltung „Pflege am Limit?“ fand in besonderer Kooperation mit dem Caritasverband für Dresden e. V. statt.
Die Diskussion wurde von Sachsen Fernsehen aufgezeichnet und live übertragen. Moderiert wurde der Abend von Maxi Konang und Iris Milde.
Die Aufzeichnung wurde am 3. und 4. Oktober sachsenweit bei Sachsen Fernsehen Dresden, Lausitz, Chemnitz und Leipzig ausgestrahlt. Die vollständige Diskussion kann weiterhin online angesehen werden.




