Soziale Nachtcafés in Dresden - Ein Projekt mit Wurzeln an der Evangelischen Hochschule Dresden
Wenn im Winter die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken, wird das Leben auf der Straße lebensbedrohlich. Die Sozialen Nachtcafés in Dresden bieten seit vielen Jahren Schutz, Wärme und Würde für Menschen ohne festen Wohnsitz und sind in ihrer Form und Kontinuität bundesweit einmalig.
Die Wurzeln des Projekts reichen zurück bis ins Jahr 1992 an die Evangelische Hochschule Dresden. In Studienprojekten setzten sich Studierende mit dem Thema Wohnungslosigkeit auseinander. Nach der DDR-Zeit waren Versorgungsstrukturen im Umbruch: Eine staatlich organisierte Grundversorgung existierte in diesem Maße nicht mehr, neue Hilfesysteme waren lückenhaft. Die Studierenden bauten daher Kontakte zu wohnungslosen Menschen auf, führten Interviews und besuchten Ämter und Gemeinden, um ihre Lebensrealitäten besser zu verstehen und zu erfahren, welche Unterstützung sie benötigen.
Im von Prof. Dr. Harald Wagner geleiteten Seminar „Wohnungslosigkeit“ an der ehs Dresden zeigte sich deutlich: Zwar ist die Versorgung wohnungsloser Menschen eine Pflichtaufgabe der Kommunen, doch in der Praxis fielen viele durch alle Raster. Die Frage stand im Raum: Was macht man, wenn formale Zuständigkeiten bestehen, reale Hilfe aber nicht ankommt?
Impulse für eine Antwort brachte ein Blick ins Ausland. Professor Wagner hatte in den USA niedrigschwellige kirchliche Angebote kennengelernt, bei denen wohnungslose Menschen abends einen Schlafplatz, Essen und eine Dusche erhielten. Getragen von vielen Freiwilligen. Ein solches Modell gab es in Deutschland und auch in Dresden damals nicht.
Diese Vision traf in Dresden auf eine konkrete Versorgungslücke. Studierende der Evangelischen Hochschule Dresden gingen gemeinsam auf Kirchgemeinden zu, stellten die Idee bei Gemeindeabenden, Gesprächen und Gottesdiensten vor. Das Anliegen fand Zustimmung, doch die Umsetzung stieß zunächst auf Unsicherheit: Sorgen um Hygiene, mögliche Konflikte und die Belastbarkeit der Gemeinden prägten die Diskussionen.
Den entscheidenden Schritt wagte schließlich die Dreikönigskirche. Der damalige Pfarrer Manfred Bauer überzeugte den Kirchenvorstand mit einem durchdachten Konzept. Die Kirche verfügte über getrennte Räume und einen separaten Eingang, zudem wurden klare Regeln festgelegt: keine Hunde, keine Gewalt. Der Beschluss war pragmatisch und mutig zugleich: „Wir probieren das mal einen Winter lang.“ – auch mit dem Ziel, andere Kirchen von der Machbarkeit des Angebots zu überzeugen.
Am 6. November 1995 öffnete dort das erste Dresdner Nachtcafé. Studierende der ehs, Professor Wagner und engagierte Gemeindemitglieder unterstützten das Angebot ehrenamtlich. Essen kam unter anderem aus der Tafel, viele Menschen aus der Gemeinde beteiligten sich bewusst als Ausdruck ihres christlichen Selbstverständnisses. Nach dem ersten Winter war klar: Es geht weiter. Schon bald fand das Angebot an mehreren Abenden pro Woche statt, später täglich. Weitere Kirchen schlossen sich an, bis schließlich ein Modell entstand, bei dem jeden Abend eine andere Kirche ihr Gemeindehaus öffnet.
Bis heute wird das Projekt vollständig ehrenamtlich getragen. Essen und Materialien stammen aus Spenden, Helferinnen und Helfer kommen aus den beteiligten Gemeinden. Jede Gemeinde bringt dabei ihre eigene Kultur ein. Logistisch unterstützt wird das Projekt von der Beratungsstelle für Wohnungslose der Diakonisches Werk – Stadtmission Dresden gGmbH, deren Geschäftsführer Thomas Slesazeck ist.
Die Geschichte der Sozialen Nachtcafés wurde dokumentiert, literarisch aufgearbeitet und immer wieder öffentlich gewürdigt. Auch Medien wie MDR aktuell und das ZDF berichteten über die lebenswichtige Bedeutung des Angebots in den Wintermonaten: MDR aktuell.
Was als studentisches Forschungsprojekt begann, ist heute ein fester Bestandteil der Dresdner Hilfelandschaft. Angesichts steigender Wohnungslosigkeit ist das Engagement der Sozialen Nachtcafés wichtiger denn je. Sie zeigen eindrücklich, was möglich ist, wenn Hochschule, Kirche und Ehrenamt gemeinsam Verantwortung übernehmen – damals wie heute.
